"Kreative Zerstörung des Bestehenden" Big Data erfordert radikales Umdenken

thyssenkrupp Industrial Solutions AG

In Frankfurt am Main tagte am 7. und 8. März zum vierten Mal der Baustoffanlagentag. Brennendes Thema für alle Teilnehmer war „Big Data“. Auch die Baustoffanlagenbranche steht ganz im Zeichen zunehmender Digitalisierung. Datenerhebung, Datenauswertung, Datennutzung. Wie kommen die Unternehmen zukünftig damit zurecht?

Johann Soder, Geschäftsführer COO und Visionär bei SEW Eurodrive machte klar: „Wir müssen das Bestehende kreativ zerstören.“ Die Digitalisierung erfordere ein radikales Umdenken. Am Beispiel von SEW zeigte Soder, wie die Produktion zukünftig auszusehen habe: Sie sei modular, flexibel und agil. Sie solle den Menschen mitnehmen und eine intelligente Mensch-Technik Kooperation ermöglichen. Der Auftrag sucht sich zukünftig selbst seinen Weg in der Produktion, das bedeutet letztendlich „Smart Factory 4.0“. Auch in der Zukunft werde es Menschen in der Produktion geben, wenn auch weniger gering qualifizierte. Wir werden allerdings anders arbeiten, anders ausbilden und andere Arbeits- und Beschäftigungsmodelle entwickeln. Ganzheitliches Denken sei hier gefragt. Schnelligkeit sei der entscheidende Wettbewerbsvorteil.

Wie sehen die Wertschöpfungsketten der Zukunft aus? Die Produktion setze sich zusammen aus flexiblen, modularen Anwendungen, die wandlungsfähig und anpassungsfähig sind und auch Logistikprozesse integrieren. Agilität sei das Stichwort! Gesammelte Daten bilden die Basis für das Verbessern von Prozessen. Die Automatisierungstechnik vernetze das Reale und das Digitale. Assistenzsysteme unterstützen zukünftig den Menschen. Damit das funktioniere, brauche man standardisierte Schnittstellen. Die Unternehmen müssen permanent für die richtige Infrastruktur sorgen. „Die Jugend will wischen und keine Zahlen in den Computer eintippen.“ Mit der digitalen, modular organisierten Fabrik lässt sich ein Idealzustand planen. In den realen Prozessen werden die Daten dann aufgenommen, bewertet und in Richtung des Idealzustands verbessert. So sehe zukünftig Führung aus. Eine Fabrik kann vorab virtuell geplant und „ausprobiert“ werden, bevor man sie baut.

Zweckorientierte Datenanalyse
Big Data heißt natürlich auch, dass diese nicht nur gesammelt, sondern auch gezielt analysiert werden. Dr. Markus Schoisswohl von SYN2TEC erläuterte, dass Produzenten sich die Frage stellen müssen, welche Prozesse verbessert und welche Daten dafür gesammelt werden sollen. Was bedeuten einzelne Faktoren und welche Aussage geben sie? Daten müssen so gemessen werden, dass man aus ihnen Maßnahmen ableiten kann. Dabei helfe, in abgegrenzten Prozessen zu messen und möglichst viele Daten zu sammeln – auch unstrukturierte. So ließen sich Fehler entdecken und beheben, deren Ursache man sonst nicht feststellen könne.

Die anschließende Podiumsdiskussion zeigte, dass bei aller Begeisterung für Daten und Digitalisierung auf Kundenseite oft noch alte Denkmuster und Ängste vorherrschen, Produktionsdaten für übergreifende Analysen und Prozesse zur Verfügung zu stellen – zum Beispiel in einer Cloud. Hier gelte es, entsprechendes Vertrauen in die Sicherheitssysteme herzustellen und die Zusammenarbeit zwischen Softwareentwicklern und Anwendern zu stärken.

Aufschwung noch nicht in allen Teilbereichen angekommen
Zu Beginn der Tagung schaffte Sebastian Popp, stellvertretender Geschäftsführer des Fachverbands, Klarheit über die Konjunktur und die aktuelle wirtschaftliche Situation.

Kennzeichnend ist die Heterogenität der Branche, 2018 stand beim Auftragseingang und Umsatz noch ein Minus. Das liegt hauptsächlich am Zementanlagenbau, der sich weiterhin in einem von Überkapazitäten geprägten Markt befindet. Rechnet man den Zementanlagenbau heraus, lagen die Auftragseingänge der deutschen Baustoffanlagenhersteller 2018 insgesamt 17% über dem Vorjahresniveau und die Umsätze 16%.

Das stärkste Wirtschaftswachstum findet weiterhin in Asien statt. Auch in Südamerika gibt es Wachstum aufgrund der Erholung der Rohstoffmärkte, sodass sich auch der internationale Bergbau besser entwickelt.

In der Zementproduktion erwartet man das größte Wachstum in Asien. China bekommt das Problem der Überkapazitäten besser in den Griff. Seit zwei Jahren greifen die Maßnahmen der chinesischen Regierung, die Produktion zu drosseln. Innerhalb der nächsten fünf Jahre wird sie auf unter 50% der Weltproduktion fallen, gleichzeitig aber die Auslastung der Produktionskapazitäten von 82% auf 95% steigern. Diesbezüglich befindet man sich dort auf dem richtigen Weg.

Der Erholungskurs wird sich für die Anlagenbauer 2019 voraussichtlich fortsetzen, wenngleich Risiken wie die internationale Handelspolitik nicht kalkulierbar sind. Die Abnehmerbranchen Bauindustrie und Bergbau befinden sich weiterhin auf Wachstumskurs, was auch den Zulieferern zu Gute kommt.

In der US-Handelspolitik keine Änderung in Sicht
Am Vorabend der Veranstaltung stand ein ganz anderes brennendes Thema im Raum: die US-Handelspolitik und ihr zunehmender Protektionismus. Eine zentrale Erkenntnis kristallisierte sich heraus - auch im anstehenden Präsidentschaftswahlkampf wird sich die Marschroute nicht wesentlich ändern. Wer seine Hoffnung in der Zukunft auf die Demokraten setzt und glaubt, dass sie die Zölle wieder abschaffen werden, täusche sich.

Donald Trump ist mit den Positionen „Anti-Migration“, „Anti-Free Trade” und “Anti-Washington” seine erste Amtszeit angetreten. Vor ihm war Handelspolitik im Wahlkampf nie ein besonderes Thema. Das unterschied ihn von den übrigen 17 Präsidentschaftskandidaten seiner Partei. Die Republikaner waren traditionell eher für den Freihandel. Das hat sich mit Trump komplett gewandelt.

Die US-Handelspolitik wird wahrscheinlich protektionistisch bleiben, auch der anstehende Wahlkampf wird kein wesentliches Umdenken bringen. Dr. Laura von Daniels von der Stiftung Politik und Wissenschaft aus Berlin erläuterte das gegenwärtige Handeln der Trump-Regierung und konnte den Teilnehmern Befürchtungen, dass die USA im Sommer Zölle auf Autoimporte erheben wolle, nicht nehmen. Das Vorgehen des US-Regierung in diesem Punkt sei derzeit ein wohl gehütetes Geheimnis.

Um den USA bei den Verhandlungen in einer starken Position entgegentreten zu können, ist es nötig, dass die EU eine einheitliche Meinung vertritt und nicht permanent in Grabenkämpfe verfällt. Beide Seiten haben zum Beispiel ein gemeinsames Interesse daran, ein Gegengewicht zu China zu bilden. Das allein ist schon ein guter Grund, die Verhandlungen erfolgreich abzuschließen.